Die »Waschmaschine« im Nordatlantik
Während unserer Ausfahrten begegnen wir immer wieder den Meeres-
schildkröten. Hier ist ein kleine Geschichte, warum die Schildkröten an den
Azoren vorbeikommen und wie Ihre Reise durch den Nordatlantik verläuft.

An den Küsten Floridas geschlüpfte, gerade mal vier Zentimeter kleine
»Unechte Karettschildkröten« tauchen sofort in die Weiten des Atlantiks
ab. Wenn sie Jahre später in ihre Heimat zurückpaddeln, sind sie um rund
70 Zentimeter gewachsen, und haben eine gigantische Rundreise hinter
sich. Das fanden Forscher der Universität der Azoren, der Universität von
Florida und der Universität von Madeira heraus.
Eine Unechte Karettschildkröte tauchte, 552 Tage nachdem sie in Florida markiert worden war, bei den
Azoren wieder auf. Und ein bei den Kanaren gekennzeichnetes Tier sichteten die Forscher fünf Monate
später vor Kuba. Mitunter aber zweigen die gepanzerten Reptilien von ihrer kreisförmigen Route ab.
So fand sich eine bei den Azoren markierte Schildkröte 1995 in der Nähe von Sizilien. Die Tiere folgen
offenbar den Strömungen, die in mehreren, teilweise weit ausholenden Kreisen um die Sargasso-See
verlaufen. Auf der Nordroute lassen sie sich mit dem Golfstrom von Florida bis zu den Azoren tragen,
zurück in die Heimat geht es über den Kanaren-, den Nordäquatorial- und den Antillenstrom. Mehr als
1100 Unechte Karettschildkröten sind in dem gemeinsamen Forschungsprogramm gefangen, gemessen
und markiert worden. Etwa 200 von ihnen zapften die Wissenschaftler Blut ab – für genetische Analysen.
Die ersten Ergebnisse deuten an, daß es einen viel größeren Austausch zwischen atlantischen und medi-
terranen Populationen gibt als angenommen. Unklar ist bislang, wie die Unechten Karettschildkröten im
Meer ihre jeweilige Position bestimmen.
Das amerikanische Forscherehepaar Kenneth und Catherine
Lohmann von der University of North Carolina in Chapel Hill
hat jetzt bei Laborversuchen nachgewiesen, daß die Jungtiere
sowohl unterschiedliche Magnetfeldstärken als auch den
Winkel zwischen Magnetfeld und Wasseroberfläche wahr-
nehmen. Je nachdem, ob das künstliche Magnetfeld den Ver-
hältnissen an der Küste Floridas oder Portugals entsprach,
schwammen die Schildkröten in Richtung des vermeintlich
offenen Meeres. Solche Sensibilität für Magnetfelder könnte
die Tiere auch davor bewahren, in kalte und damit für sie
tödliche Gewässer abzutreiben. Doch auf welche Weise die
Navigation genau abläuft, ist nach Ansicht der Forscher »ein
andauerndes Geheimnis der Verhaltensbiologie«.
Karettschildkröte © Helmut Corneli
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